Immer auf dem Laufenden

smood: Die Energiewende endet nicht an der Grundstücksgrenze

new-bauhaus_titel

02.09.2026

 

Beim NEW bauhaus Festival in Weimar zogen EnergieWerkStadt® eG und Fraunhofer Bilanz aus fast zehn Jahren Arbeit im Quartier – und stellten die Frage, welcher Maßstab für die nächste Phase der Transformation der richtige ist.

 

Festival für neues Denken

Am 2. und 3. September wurde Weimar beim NEW bauhaus Festival erneut zu einem Ort, an dem über die Zukunft des Bauens und unserer gebauten Umwelt nachgedacht wurde. Mehr als 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie über 90 Mitwirkende aus Bau- und Immobilienwirtschaft, Wissenschaft, Kommunen, Politik, Technologie und Kultur diskutierten in mehr als 60 Programmpunkten über die Herausforderungen der kommenden Jahre.

Aus unserer Sicht lag die besondere Qualität des Festivals darin, dass es nicht bei Architektur und Gebäuden stehen blieb. Energie, Ressourcen, Digitalisierung, neue Materialien und gesellschaftliche Veränderungen wurden gemeinsam betrachtet. Das erschien uns durchaus bauhausgemäß: Interessant ist heute weniger die historische Formensprache als der damalige Anspruch, Gestaltung, Technik und gesellschaftliche Veränderungen zusammenzudenken. Dass der erste Festivaltag unter dem Motto „Neues Denken + Der Systemsprung“ stand, passte deshalb ziemlich genau zu einer Frage, die uns seit Jahren beschäftigt.

 

Das Quartier ist das neue Gebäude

Unter diesem Titel diskutierten Prof. Peter Bretschneider, Leiter des Fraunhofer IOSB-AST, und Dr. Kersten Roselt, Vorstand der EnergieWerkStadt® eG, ihre Sicht auf die nächste Phase der Energiewende. Der Vortrag war zugleich eine Bilanz aus annähernd zehn Jahren Forschungs-, Entwicklungs- und praktischer Arbeit im Quartier – eng verbunden mit smood, zunächst als Forschungsansatz zum energetischen Stadtumbau und inzwischen zunehmend als Philosophie für die Transformation von Quartieren.

Über Jahrzehnte war das einzelne Gebäude der maßgebliche Betrachtungsraum: Energiebedarf senken, Gebäudehülle verbessern, Heizungsanlagen effizienter machen. Das bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus, sobald erneuerbare Energien, Speicher, Wärmepumpen, Elektromobilität und dezentrale Energieversorgung zusammenspielen sollen.

Denn energetische Beziehungen interessieren sich wenig für Grundstücksgrenzen. Solarstrom kann andernorts oder zu einem anderen Zeitpunkt gebraucht werden, Abwärme zur Wärmequelle für benachbarte Gebäude werden, Strom und Wärme lassen sich speichern und miteinander koppeln. Viele Möglichkeiten der Energiewende beginnen deshalb erst jenseits der Grundstücksgrenze.

Genau dort wird das Quartier interessant: nicht als weitere administrative Gebietskategorie, sondern als funktionaler Raum, in dem Erzeugung, Verbrauch, Speicherung und Verteilung gemeinsam betrachtet und die bislang häufig getrennten Sektoren Strom, Wärme und Mobilität miteinander gekoppelt werden können.

 

Von Einzellösungen zum System

Technologisch beginnen wir keineswegs bei null. Viele notwendige Bausteine sind verfügbar und praxiserprobt. Unsere Erfahrung aus den vergangenen Jahren ist vielmehr, dass die entscheidenden Hemmnisse zunehmend zwischen den Technologien liegen: in getrennten Planungsprozessen und Zuständigkeiten, regulatorischen Grenzen, fehlenden Daten oder Geschäftsmodellen. So entstehen viele technisch gute Einzellösungen, aber noch längst kein optimiertes Gesamtsystem.

Digitalisierung bekommt dabei eine sehr konkrete Aufgabe. Sie macht energetische Beziehungen im Quartier sichtbar, ermöglicht Prognosen und schafft die Voraussetzung, Erzeuger, Verbraucher und Speicher im Betrieb aufeinander abzustimmen. Aus einer Ansammlung energieeffizienter Gebäude kann so schrittweise ein cross-sektorales energetisches System entstehen.

 

Von der Energieeffizienz zur Emissionsminderung

Mit diesem Systemverständnis verändert sich auch die Zielgröße. Energieeffizienz bleibt wichtig, ist aber kein Selbstzweck. Für den Klimaschutz ist entscheidend, wie schnell und in welchem Umfang Treibhausgasemissionen tatsächlich vermindert werden.

Gerade angesichts begrenzter finanzieller Mittel, Planungskapazitäten und Zeit wird diese Unterscheidung relevant. Ein umfassend saniertes Gebäude kann weiterhin fossil beheizt werden; umgekehrt kann die Umstellung eines noch nicht optimal sanierten Gebäudes auf erneuerbare Wärme erhebliche Emissionen vermeiden. Das ist keine Absage an die Gebäudesanierung. Es bedeutet aber, Reihenfolge und Kombination der Maßnahmen stärker nach ihrer tatsächlichen Klimawirkung zu beurteilen. Neben die Frage nach maximaler Energieeinsparung tritt damit die Frage, mit welcher Kombination verfügbarer Maßnahmen im Quartier möglichst schnell und mit vertretbarem Ressourceneinsatz möglichst viele Emissionen vermieden werden können.

 

Was wir mit smood gelernt haben

Mit der praktischen Arbeit hat sich auch smood verändert. Aus dem zunächst stark energetisch geprägten Ansatz ist ein umfassenderes Verständnis des Systems Quartier entstanden. Denn reale Quartiere lassen sich nicht auf Energieflüsse reduzieren: Sie sind Lebens-, Wirtschafts- und Sozialräume; Gebäude und Infrastrukturen müssen betrieben und weiterentwickelt, Investitionen finanziert und die Interessen der Menschen vor Ort berücksichtigt werden.

Diese Erweiterung entstand nicht am Schreibtisch. Die Praxis hat uns immer wieder gezeigt, dass technische und digitale Lösungen, Ressourcen, Wirtschaftlichkeit, Organisation und Akzeptanz zusammengehören. Die Wirklichkeit hält sich nun einmal nicht an die Grenzen unserer Fachdisziplinen.

 

Die nächste Aufgabe ist das Zusammenwirken

Technologische Innovation bleibt unverzichtbar. Wir sollten daraus aber nicht den Schluss ziehen, mit der Transformation unserer Quartiere auf die nächste technologische Revolution warten zu müssen. Ein erheblicher Teil der notwendigen Technologien ist längst vorhanden. Die schwierigere Aufgabe besteht inzwischen darin, daraus funktionierende Systeme zu entwickeln und technische Planung, Digitalisierung, Finanzierung, Geschäftsmodelle und die beteiligten Akteure zusammenzubringen.

Hier schließt sich für uns der Kreis zum NEW bauhaus. Das historische Bauhaus reagierte auf tiefgreifende technologische und gesellschaftliche Veränderungen, indem es Grenzen zwischen Disziplinen überwand und aus ihrem Zusammenwirken Neues entstehen ließ. Gut hundert Jahre später stehen wir vor einer anderen, aber strukturell durchaus vergleichbaren Aufgabe.

Unser Vortrag in Weimar war deshalb auch eine Zwischenbilanz. Nach fast zehn Jahren Arbeit mit smood und im Quartier glauben wir eines ziemlich sicher sagen zu können: Die Energiewende endet nicht an der Grundstücksgrenze. Das Quartier ist der Raum, in dem aus vielen guten Einzelmaßnahmen ein funktionierendes System werden kann.

 

 

new-bauhaus_2

zurück